„Die Täter kommen ins Kinderzimmer“ – Spiegel

Mobbing im Internet
„Die Täter kommen ins Kinderzimmer“
Mobbing unter Schülern: Opfer hätten keine Lobby, kritisiert Catarina Katzer

Es ist ein Freifahrtschein für Beleidigungen der übelsten Art: Garantiert anonym können Schüler auf der Web-Seite iShareGossip lästern und pöbeln. Durch die Netzhetze werden Opfer bis ins Elternhaus verfolgt. Wie man sich wehren kann, erklärt Mobbing-Expertin Catarina Katzer im Interview.
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SPIEGEL ONLINE: In Berlin wollte ein 17-Jähriger seiner Freundin helfen, weil sie im Internet gemobbt wurde. Dabei wurde er von 20 Jugendlichen zusammengeschlagen. Die anonyme, psychische Gewalt im Internet ist zur körperlichen Gewalt auf der Straße geworden. Ist damit eine neue Stufe von Cyber-Mobbing erreicht?

Catarina Katzer: Da ist etwas passiert, das Kollegen und ich schon länger befürchtet haben. Früher galt immer: Was im virtuellen Leben stattfindet, ist nicht real und hat wenig mit dem zu tun, was auf dem Schulhof passiert. Das stimmt aber oft nicht.

SPIEGEL ONLINE: Der aktuelle Berliner Fall ist also keine Ausnahme?

Katzer: Es ist sicher kein Einzelfall. Vielmehr ist es so, dass sich die virtuelle und die reale Gewalt vermischen. Die Anonymität im Netz enthemmt häufig Jugendliche, und sie haben oft nicht das Gefühl, etwas Böses zu tun, wenn sie andere beleidigen. Das kann sich hochschaukeln und auf der Straße entladen.

SPIEGEL ONLINE: Die Freundin des Opfers wurde auf der Web-Seite iShareGossip beleidigt. Die Web-Seite garantiert absolute Anonymität. Ein Freifahrtschein für Mobber?

Katzer: Das ist eine sehr bedenkliche Plattform. Sie unterstützt in hohem Maße aggressives Verhalten im Netz. Auch in sozialen Netzwerken wie SchülerVZ und Facebook kommt Cyber-Mobbing gehäuft vor. Aber durch eine Plattform, die ausdrücklich absolute Anonymität zusichert, sinkt die Hemmschwelle natürlich zusätzlich. Dadurch ist jeglicher Form von Gewalt im Netz Tür und Tor geöffnet, die auch ins reale Leben überschwappen kann.

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie dagegen tun?

Katzer: Es müsste rechtliche Möglichkeiten geben, dass solche Seiten gar nicht erst ins Netz kommen. Die Justiz hängt stark hinterher. Die müssen handeln.

SPIEGEL ONLINE: Wie unterscheidet sich Mobbing im Netz von dem auf dem Schulhof?

Katzer: Mobbing im Netz ist öffentlich. Es können nicht nur ein paar Leute auf dem Schulhof sehen, sondern Hunderttausende, auch Lehrer und Eltern. Das Mobbing stoppt im Prinzip nie. Was im Netz ist, bleibt drin, die Opfer haben keinen Schutzraum mehr. Früher gingen sie nach der Schule nach Hause und hatten dort ihre Ruhe. Durch Videos und Fotos im Netz kommen die Täter auch ins Kinderzimmer der Opfer.

SPIEGEL ONLINE: Gerade bei iShareGossip wissen Schüler oft nicht genau, wer hinter den Attacken steckt.

Katzer: Wenn sie wissen, wer der Täter ist, können sie wenigstens versuchen, ihm aus dem Weg zu gehen. Sie wissen auch, wer ihr Freund ist. Jetzt sitzen sie in der Klasse und fragen sich: Wer war das? Vielleicht mein Nebensitzer? Wenn dann jemand merkt, dass die eigene beste Freundin am Mobbing beteiligt ist, wird das Vertrauen in Freundschaft natürlich noch viel mehr erschüttert.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich die Art zu mobben durch das Internet verändert?

Katzer: Im Netz gibt es fast schon eine Trophäenjagd: Wer findet die schlimmsten Fotos? Wer kann die brutalsten Videos machen? Wer hat das beste Nacktfoto? Die Täter wollen über Mobbing eine Anerkennung erfahren. Das Netz ist aber auch ein Ort, an dem sich Schüler wehren: Opfer aus der Schule werden manchmal zu Tätern im Netz. Oder Mitschüler, die sich in der Schule nicht trauen einzugreifen, wollen im Netz den Täter fertig machen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es ein typisches Mobbingopfer?

Katzer: Nein, aber es gibt bestimmte Risikofaktoren. Wir konnten feststellen, dass viele Cyber-Mobbingopfer und auch Schulopfer eher unbeliebt sind. Sie sind eher Außenseiter, eher schüchtern und unsicher. Ihre Eltern beschützen sie eher zu viel als zu wenig. Sie erlauben ihnen wenig und allein deswegen werden sie schon oft gemobbt.

SPIEGEL ONLINE: Und das gilt auch fürs Netz?

Katzer: Scheinbar fallen die Mobbingopfer aus der Schule auch im Netz auf. Sie sind auch dort eher zurückhaltend und vorsichtig. Wir untersuchen gerade: Wie verhalten sich diese Opfer im Netz? Sprechen sie viel über Probleme? Geben sie viel von sich Preis, so dass andere merken: Aha, das ist ja ein leichtes Opfer. Wir vermuten, das spielt eine Rolle.

SPIEGEL ONLINE: Vom Schulmobber zum Cyber-Mobber?

Katzer: Die Mehrheit der Täter mobbt in der Schule und im Netz. Etwa 20 Prozent der Täter mobben nur im Netz. Die Frage ist: Übertragen sie es irgendwann auf den Schulhof? Wir vermuten mittlerweile, dass Mobbing auch im Netz anfangen kann. Eher unauffällige Jugendliche nutzen das Netz, um mal eine andere Rolle auszuprobieren und böse aufzutreten. Da besteht die Gefahr, dass sie dieses Verhalten lernen und dann auch auf dem Schulhof ausprobieren. Das muss man in Zukunft berücksichtigen. Die ganzen Lernprozesse von Jugendlichen in der Pubertät werden über das Netz beeinflusst.

SPIEGEL ONLINE: Wie verbreitet ist Cyber-Mobbing?

Katzer: Da ist natürlich die Frage: Wo beginnt Cyber-Mobbing? Etwa 45 Prozent der Jugendlichen in Deutschland berichten davon, dass sie permanent im Chat gestört werden. Etwa 30 Prozent berichten von schwerwiegenden Fällen, dass beispielsweise Gerüchte verbreitet werden. Etwa fünf Prozent sagen, dass sie massiv bedroht wurden.

SPIEGEL ONLINE: Was können Schulen tun?

Katzer: Viele Schulen spielen solche Fälle runter. Das ist das Problem: Opfer haben keine Lobby. Häufig wird noch gesagt: Du bist ja auch mit dran Schuld. Was hast du denn gemacht? Schulen müssen Mobbing ernst nehmen und die Täter zur Verantwortung ziehen. Nicht der Täter muss in den Mittelpunkt gestellt werden, sondern das Opfer.

SPIEGEL ONLINE: Aber sollte ein ohnehin schon traumatisiertes Opfer auch noch in den Mittelpunkt gezerrt werden?

Katzer: So meine ich das nicht. Schüler müssen wissen, dass es eine Anlaufstelle gibt, wo sie ernst genommen werden. Es kann zum Thema der Schule gemacht werden. Alle Lehrer können in ihre Klassen gehen und sagen: An dieser Schule ist ein Fall von Mobbing passiert, das dulden wir nicht. Sie müssen mit ihren Schülern sprechen – schon in der Grundschule: Wie geht ihr miteinander um? Was richtet ihr mit Mobbing an? Bei dramatischen Fällen sollten Eltern auch die Polizei einschalten.

SPIEGEL ONLINE: Inzwischen fördern viele Schulen Medienkompetenz. Reicht das nicht?

Katzer: Da zeigen Lehrer ja eher, wie man eine Power-Point-Präsentation richtig erstellt und wie man Google richtig nutzt. Medienkompetenz bedeutet für mich, zu klären: Was macht das Netz mit uns? Was machen wir durch das Internet mit anderen? Denn das Internet ist ein soziales Medium und kein Datenaustauschprogramm. Das haben viele noch nicht begriffen.

Das Interview führte Frauke Lüpke-Narberhaus

Quelle: http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,752738,00.html

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Über Ricarda

Margit Ricarda Rolf - Gründerin und Leiterin der Mobbing-Zentrale mit mehr als 11.000 erfolgreich beendeten Mobbingfällen.
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9 Kommentare zu „Die Täter kommen ins Kinderzimmer“ – Spiegel

  1. Ricarda sagt:

    If the source is indicated, which is ok for me.

  2. index sagt:

    Wow! thank you so much i always wanted to write something like that on my blog, can i take a part of this text to my blog, i’ll attach the source of the original text?

  3. Eigentlich ein guter Kommentar, aber konnt ihr spater n bisschen umfassender schreiben? toll

  4. Roulette sagt:

    Herrlich, jetzt endlich habe ich das in der Tiefe verstanden 🙂

  5. Also ich glaube dies war lediglich eine Trendsache

  6. Hat jemand eine Meinung wie umfassend das verallgemeinerbar ist?

  7. Ich bemerke jetzt in diesem Moment dass ich diesen Blog wesentlich mehr lesen musste – da man wirklich auf krasse Ideen

  8. Manie Adduci sagt:

    Heftig, ich hatte garnicht fur moglich gehalten dass das real auch wirklich klappt 😉

  9. Krass, ich habe niemals gedacht, dass dies wirklich auch so moglich ist

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